Die zerstrittene Stadt

 Allmählich geht es in Flörsheim zu wie in Absurdistan – Verkehrslärm ist die Ursache dafür

Die per Bürgerentscheid abgelehnte Umgehungsstraße B 519 (neu) sowie der Fluglärm spalten die Bevölkerung. Eine Zustandsbeschreibung.

Von Niklaus Mehrfeld

Flörsheim.Wann alles begonnen hat, weiß niemand so recht. Die Zerwürfnisse

Die auf der neuen Nordwest-Bahn landenden Flugzeuge sorgen für Fluglärm in der Mainstadt und den Wegzug von Familien.

Die auf der neuen Nordwest-Bahn landenden Flugzeuge sorgen für Fluglärm in der Mainstadt und den Wegzug von Familien.

und die heftigen Diskussionen innerhalb von Familien, die sie beim Thema Umgehungsstraße entzweien. Beim zweiten Reizthema ist der Beginn der Auseinandersetzungen wenigstens eingrenzbar, auch wenn das kein Trost ist. Es war Ende Oktober: Gottesdienstbesucher verlassen weinend die Kirchen; Menschen stehen vor ihren Haustüren, schauen in den Himmel und beobachten die Flugzeuge, die in kurzen Abständen in niedriger Höhe anfliegen.

„Das ist unwürdig“

Auf dem neuen Friedhof vibriert das Wasser in den Gießkannen, wenn die Jets ihren Weg zur Nordwest-Landebahn einschlagen. Die Pfarrer unterbrechen ihre Traueransprachen und Gebete, um auf eine Flugpause zu warten. „Das ist unwürdig“, presst einer der Trauernden wütend hervor. An einer Stelle, die nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt liegt, verfolgen Kinder die Maschinen, die 250, 260 Meter hoch über das Gelände ihres Kindergartens fliegen. Das ist so nah, dass die Reifen der Flugzeugfahrwerke deutlich zu sehen sind. Eine Stadt steht unter Schock. Dabei war die Bundeskanzlerin am 21. Oktober, dem Eröffnungstag der Nordwest-Landebahn auf dem Frankfurter Flughafen, fast geräuschlos über Flörsheim auf die Bahn zum Landen geschwebt. „Der Pilot hat die Triebwerke abgestellt“, vermuten damals Demonstranten, die dem „Happy Landing“ der Fraport AG ein trotziges „Dirty Landing“ entgegensetzen. Ein großes Polizei-Aufgebot „bewacht“ die Demonstration. „Auswärtige Beobachter könnten den Eindruck gewinnen, hier soll das Aufstellen einer Flak-Batterie verhindert werden“, meint ein Protestler ironisch. Einige Wochen später sind es Luftballons, um die sich die Polizei kümmern muss. Die Flörsheim Kolonnaden feiern ein Fest, es steigen – mit Erlaubnis der Behörden – bunte Ballons in den Himmel. Das passt den Piloten nicht, die just an diesem Tag im Anflug auf die Nordwest-Bahn sind. Die Polizei rückt an und lässt per Anweisung an das verdutzte Center-Management die Luftballon-Aktion unterbinden. Dann geht es Schlag auf Schlag. Der Widerstand im bürgerlichen Lager formiert sich. Vor allem die jungen Mütter wollen sich nicht mit Politiker-Sprüchen abspeisen lassen. Über Facebook und Twitter werden Aktionen abgesprochen. Ungewöhnlich lange herrscht Ostwetterlage und Ostwind, die Voraussetzung für Landungen auf der neuen Bahn sind. Die ersten Ergüsse in Form von ölhaltigen Substanzen fallen auf ein Hausdach im Baugebiet Nord. Die Fraport zahlt die Reinigung, ohne viel Aufhebens zu machen. Dann tritt die erste Wirbelschleppe auf, die Dachziegel auf den Gehweg krachen lässt. Die Fraport ist erneut zur Stelle und zahlt die Reparatur.

„Herr, lasse Hirn fallen“ 

Die Wut vieler Flörsheimer ist größer geworden, mit Demonstrationen soll diese kanalisiert werden. „Herr, lasse Hirn vom Himmel fallen“, wünscht sich der katholische Pfarrer bei einer Protestveranstaltung für die Politiker. Landespolitiker reisen öffentlichkeitswirksam an. SPD, Grüne, Linke – alle zeigen sich betroffen, sind entsetzt, haben keine Lösung parat. Ministerpräsident Volker Bouffier und Minister Axel Wintermeyer (beide CDU) kommen ebenfalls nach Flörsheim – aber ohne Pressetross, ohne Ankündigung. Die Bösen sind schnell ausgemacht: „Das waren Koch und Konsorten“, sagt eine Frau, die wegzieht, weil sie es nicht mehr aushält in der Lärmzone.

Auf der Fastnachtssitzung kommt eine bitterböse Botschaft auf die Leinwand des Flörsheimer Carneval Clubs. „Arschloch“ heißt es dort zum Konterfei von Roland Koch. Dabei waren alle, fast alle, für den Ausbau. Kanzler Gerhard Schröder (SPD), sein Koalitionspartner Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen), der ehemalige Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) und natürlich die FDP. Innerhalb der Bevölkerung gärt es weiter, immer weiter. Absurde Vermutungen machen die Runde. Die Lärmopfer hätten die Grundstücke ja günstiger bekommen, sagen manche Flörsheimer, die für den Ausbau waren und sind. Und überhaupt: Lärm gebe es überall, Arbeitsplätze seien wichtiger als Ruhe. Die so Gescholtenen sind wütend, verstehen nicht, wie ihnen geschieht. Wie in einem Roman von Stephen King hat etwas von der Stadt Besitz ergriffen, was nicht beschreibbar ist.

Häme kommt von Weilbachern, die sich von den Flörsheimern beim zweiten Bürgerentscheid zur Umgehungsstraße im Stich gelassen fühlen. Nun würden die Betroffenen spüren, wie es ist, wenn es keine Solidarität und Hilfe gibt. Lärmbetroffene aus Wicker beschweren sich, für sie würde keiner eintreten, alles würde nur auf die Flörsheimer schauen.

Das Casa-Programm der Fraport, das zuerst Ankauf-Optionen oder Entschädigungszahlungen von 150, 100 oder 50 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche je nach Zoneneinteilung vorsieht, sorgt für Zwietracht und Neid. Ein Hauseigentümer verweigert seinem Nachbarn die Genehmigung für den Bau einer Pergola. Diese Art von Grenzbebauung könne ja den Wert seines Hauses mindern, das er an die Fraport verkaufen möchte. Der Nachbar fällt zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Zone für die Ankaufoption der Fraport.

Als das Fraport-Infomobil in der Mainstadt neben dem neuen Einkaufszentrum Station macht, gibt es lautstarke Proteste. Und viele, die ein sachliches Gespräch mit der Infomobil-Besatzung suchen. Viele sind enttäuscht, viele bekommen merkwürdige Antworten. Währenddessen düsen die Jets über die Flörsheim Kolonnaden. Einer jungen Mutter wird von Polizisten ein Kissen aus der Hand genommen, weil sie Federn verstreuen wollte. „Fraport: Teeren und federn“ heißt es auf einem großen Leinentuch. Es wird nicht eingezogen.

„Ich gehe sowieso vor Gericht“, sagt ein Besucher des Fraport-Mobils, der sich als Weilbacher Bürger „outet“. Doch nicht wegen des Fluglärms: „Ich habe nur den Lärm der abfliegenden Maschinen“, sagt er. Nein, er will klagen, wenn die kleine Ortsumgehung an seinem Grundstück vorbeiführt.

„Weg, nur weg“ 

Persönliche Kränkungen sind seit dem zweiten Bürgerentscheid zur Umgehungsstraße zur Normalität geworden. Umgehungsstraßen-Gegner wie die Galf-Leute Peter Kluin und Sven Heß erhalten anonyme Schreiben. Jemand wünscht dem künftigen Enkelkind von Heß viel Lärm. Später entschuldigt sich der Briefeschreiber.

Die Landesregierung schnürt ein neues Paket für die Bewohner im Norden von Flörsheim. Alle Wohnungs- und Hauseigentümer im Neubaugebiet Nord können ihr Eigentum an die Fraport verkaufen. „Weg, nur weg aus Flörsheim“ wollen einige Familien.

Als ein 10 000-Quadratmeter-Grundstück in der Einflugschneise zum Bauland für 30 Reihenhäuser ausgewiesen werden soll, gibt es Proteste und mediale Aufmerksamkeit. Das Vorhaben wird erst einmal auf Eis gelegt. Befürworter und Ablehner werfen sich gegenseitig Scheinheiligkeit vor. Die Stadt ist zerstritten. Ausgang offen.

Quelle: (Höchster Kreisblatt) zum Artikel